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Drehbuch - Maschinen II
 

Die aktuellen Drehbuchprogramme können die Arbeit des Autors ganz schön erleichtern. Drehbücher schreiben können sie noch nicht. Serie Drehbuchsoftware – Teil 2.

 
Von Jan Braren 
05.04.2009 

Die armen Drehbuchautoren! Ihre kunstvollen Gebrauchstexte erleben, je nach Größe des Filmteams, nur eine winzige Auflage und verschwinden nach der Fertigstellung des Films auf Nimmerwiedersehen in der Schublade. Auch wenn der Film millionen Zuschauer begeistert hat, das Drehbuch interessiert allenfalls ein kleines Fachpublikum. Sind Drehbücher so ungenießbar? Sie erzählen doch ergreifende Geschichten, genau wie Romane. Aber sie sind eben keine eigenständige Kunstform, sondern nur Mittel zum Zweck und unterliegen daher einer Reihe von mehr oder weniger lästigen formalen und inhaltlichen Einschränkungen, über die ein Romanautor nur den Kopf schütteln kann.
Ein Film ist ja bekanntlich ein zweidimensionales Artefakt, das Augen und Ohren, und nur diesen, unmittelbare Welterfahrung vorgaukelt. So darf der Drehbuchautor nur das schreiben, was man im Film auch sehen und hören kann. Der Blick des allwissenden Erzählers auf die geheimen Gefühle, Gedanken und Wünsche seiner Protagonisten – für Romanautoren kein Problem - ist dem Drehbuchautor verboten. Vom unfilmischen Einsatz eines Erzählers einmal abgesehen. Handlungsorte, Tageszeiten etc. werden im Scene Heading einfach nur herausgebellt. Wozu sollte der Autor sich auch in umfänglichen Beschreibungen des Wetters, der Landschaft, der Räumlichkeiten oder des Aussehens von Personen ergehen, wenn Drehorte, Schauspieler, Kulissen letztlich nach Kriterien ausgewählt und ausgestattet werden, die er mit seiner Beschreibung nur marginal beeinflussen kann. Das Wetter unterliegt in der durchschnittlichen Filmproduktion ja ohnehin dem Zufall.
Worin liegt dann die Faszination des Drehbuchschreibens? Warum schreiben Drehbuchautoren nicht lieber Romane? Erst nach zahlreichen Transformationen durch die Regie, das Schauspiel, die Kameraarbeit wird am Ende aus dem Text ein Film. Um diesen Prozess annähernd zu programmieren, muss der Autor seinen Text vom Ergebnis her denken. Drehbuchschreiben ist Taschenregie oder Kopftheater, ist der Versuch, immer wieder den Film zu sehen, den man schreibt und so den ganzen komplexen Prozess des Filmemachens vorwegzunehmen. Ein Drehbuch muss zudem manipulativ sein. Der Autor muss ihm eine filmische Struktur geben, ihn in Szenen und Bilder portionieren. Er muss dabei möglichst ökonomisch, mit wenigen Worten, Situationen und Atmosphären herauf beschwören, die nicht missverstanden werden können, die prägnant genug sind und etwas erzählen, ohne es auszusprechen, gleichsam zwischen den Zeilen. Darin liegt die Genugtuung und die Herausforderung des Drehbuchschreibens.
Gute Drehbuchsoftware unterstützt den Autor dabei auf vielfältige Weise. Text und Dialog lassen sich wie die Clips im digitalen Filmschnitt hin und herschieben. Diverse Strukturhilfen garantieren auch bei langen Texten einen guten Überblick und komfortablen Zugriff auf alle Elemente und Bestandteile des Drehbuchs, während die lästigen Formatierungen ganz nebenbei, während der Eingabe erledigt werden. Dabei haben Autoren die Qual der Wahl zwischen verschiedenen Programmen. Wir wollen an dieser Stelle Entscheidungshilfe geben. Nach Final Draft 7, soll nun Movie Magic Screenwriter 6 zeigen, ob es den besonderen Anforderungen des Drehbuchschreibens gerecht werden kann. Im dritten und letzten Teil der Reihe wird es dann um Movie Outline 3 gehen.

Movie Magic Screenwriter 6. Nach reibungsloser Installation – auch das neueste Update wird zum Download angeboten und auf Wunsch automatisch installiert - wartet Movie Magic Screenwriter 6 mit einer vergleichsweise komplexen Oberfläche auf. Wo Final Draft mit schnörkellosem Texteingabefenster eröffnet und seine raffinierten Funktionen erst über Klappmenüs allmählich Preis gibt, zeigt Movie Magic gleich was es hat. Gut gefüllte Toolbars oberhalb und rechts der Arbeitsfläche, eine breite Navigationsspalte auf der linken Seite, können Autoren, die vom Füllfederhalter oder von der Schreibmaschine her kommen auf den ersten Blick überfordern. Wer auch sonst schon mit Word oder einem vergleichbaren Texteditor gearbeitet hat, den kann die Cockpit-Anmutung wohl kaum erschrecken. Selbstredend lässt sich der ganze Bedien-Klimbim auch verstecken. Um das Programm und seine zahlreichen Funktionen kennenzulernen, empfiehlt es sich aber bei der voreingestellten Oberfläche zu bleiben. Ähnlich wie Final Draft bietet auch Movie Magic eine ganze Reihe von Formatvorlagen an, die sich an den amerikanischen und zunehmend international gebräuchlichen Standards für Kino- oder Fernsehfilme, Theaterstücke, Hörspiele oder wahlweise an den Episodenkonventionen bekannter US Fernsehserien orientieren. Das Default Template dürfte indessen die durchschnittlichen Anforderungen von Drehbuchautoren unterschiedlicher Provenienz gut erfüllen. Individuelle Anpassungen lassen sich leicht vornehmen. Dazu im nächsten Abschnitt mehr.
Für deutsche Autoren empfiehlt es sich unter Screenwriter => Preferences die automatische Fehlerkorrektur einfach abzuschalten. Zwar wird Movie Magic mit einem deutschen Wörterbuch ausgeliefert (auszuwählen unter Tools => Select Language...), doch die zugehörige Korrekturhilfe ist alles andere als State of the Art. Wer´s nötig hat, muss sein Script als Textdatei exportieren und mit einem brauchbaren Programm wie dem Duden-Korrektor nach Fehlern durchkämmen – leider etwas umständlich.

Textverarbeitung. Textverarbeitungsprogramme gibt es viele. Eine Drehbuchsoftware muss schon mit hochgradigen Spezialisierungen aufwarten, um sich gegen Word und Co zu behaupten. Hier steht Movie Magic seinem Konkurrenten Final Draft in nichts nach. Über das mausgesteuerte Kontextmenü, via Toolbar oder für den besseren Workflow, per Tastatur-Shortcut (siehe hierzu den Appendix des fast vierhundert Seiten starken Manuals), lässt sich zwischen Scene Heading, Action, Character, Dialogue oder Parenthetical hin- und herwechseln. Zeilenabstände, Groß- und Kleinschreibung, Schrift und Einzüge werden entsprechend geändert. Bei Bedarf können all diese halbautomatischen Formatierungen über den Menüpunkt Format => Element Styles... mühelos geändert werden (für das gesamte Script und auch nachträglich). Movie Magic macht den Zugriff auf diese Einstellungen denkbar einfach.
Ein besonderes Bonbon für längere Dialogszenen zwischen zwei Charakteren bietet die Tastenkombination Shift Tab, die, nachdem beiden Charaktere einmal etabliert sind, auf Knopfdruck zwischen den Dialogpartnern wechselt.
Genauso wie Final Draft, errät Movie Magic die passende Formatierung häufig von alleine. Beendet man die Eingabe des Figurennamens mit der Enter-Taste, wechselt das Programm folgerichtig in den Dialogmodus. Um die Formatierung nachträglich zu ändern, muss der Text nicht einmal markiert werden. Es reicht, dass der Cursor sich in der entsprechenden Zeile befindet. Diese Funktion macht es möglich Texte, die in einem reinen Word-Editor geschrieben wurden, in Final Draft zu importieren, und dort wenn nötig nachträglich und relativ komfortabel drehbuchgerecht zu formatieren.
Die Importfunktion von Movie Magic macht insgesamt einen sehr guten Eindruck. Formatierungen bleiben erhalten. Das Programm läuft auch nach dem Import großer Dateien oder Textmengen stabil. Hier hat Movie Magic gegenüber seinem Konkurrenten die Nase weit vorne. Selbst umfangreiche Final Draft Dateien, lassen sich per Copy and Paste problemlos und verlustfrei ins Movie Magic Format übertragen. Die Programmierer haben hier wirklich saubere Arbeit geleistet.

Probleme? Es soll ja Autoren geben, die schreiben ein Drehbuch einfach so runter. Drehbuchlegende Felix Huby hat nach eigenen Angaben eine durchschnittliche Tagesleistung von 30 bis 35 Drehbuchseiten und schaut beim Arbeiten selten zurück. Ein Tatort entsteht da schon mal am Wochenende. Für alle anderen gibt es Movie Magic Screenwriter. Gestern wie im Rausch zwei ganze Seiten geschrieben und die ersten 25 Seiten erneut überarbeitet. Endlich ist der erste Akt rund. Doch die morgendliche Relektüre zeigt: Das war mal wieder nix. Was hat mich da bloß geritten.
Je länger der Text wird, desto schwieriger ist es, den Überblick zu behalten, die Struktur des Ganzen nicht aus dem Auge zu verlieren, fällige Änderungen ins Drehbuch einzuarbeiten oder voreilige Entscheidungen rückgängig zu machen. Movie Magic Screenwriter unterstützt den Autor bei diesem oft zähen Ringen um die Herrschaft über den Stoff durch eine Technologie namens Navidoc. Das Navidoc, gemeint ist die linke Spalte im voreingestellten Splitscreen-Modus, bietet zuallererst die Möglichkeit bequem durchs Drehbuch zu navigieren. Dort werden alle Szenen als Navigationselemente dargestellt. Je nach Einstellung sind die Szenen dort anhand des Scene Headings oder der ersten Sätze und Dialogzeilen der Szene zu identifizieren. Ein Klick auf das gelb unterlegte Szenenkästchen, lässt den Cursor im Schreibfenster an die entsprechende Stelle des Drehbuchs springen. Auch umgekehrt folgt die Darstellung im Navidoc den Arbeitsbewegungen im Schreibfenster. Darüber hinaus lässt sich im Navidoc die Abfolge der Szenen durch sogenannte Outline-Elemente strukturieren. Das sind farbige Textfelder, die Aktgrenzen, Sequenzen oder Wendepunkte markieren. Im Ausdruck erscheinen diese Outline-Elemente nur auf ausdrücklichen Wunsch. Gedacht sind sie als reine Strukturhilfen. Wer mag kann sein Drehbuch auch in einem von acht verschiedenen Instructional Templates anlegen. Das sind Script-Outlines die beispielsweise dem klassischen 3-Akt-Schema folgen und gelegentlich mit Erläuterungen aufwarten, wie sie sich auch in der klassischen Drehbuchliteratur a la Syd Field finden. Wo Final Draft sich in angenehmer Zurückhaltung übt und lediglich eine Art Nachschlagewerk für dramaturgische Fragen anbietet, hat Movie Magic Screenwriter zumindest eine sehr smarte Lösung gefunden, dem ratlosen Autor dramaturgische Hilfestellung zu geben. Das Dreiaktschema lässt sich in Movie Magic wie eine Schablone über den eigenen Text legen. Alternativ beherrscht Movie Magic auch die Karteikartenansicht. Vier, sechs, neun oder zwölf Karteikarten füllen den Bildschirm aus und lassen sich per drag and drop neu gruppieren. Änderungen, die hier vorgenommen werden, finden sich selbstredend auch im Skript wieder. Abgerundet werden die Instrumente des Navidocs durch die Möglichkeiten farbige Scriptnotes bzw. Kommentare und Lesezeichen im Text zu hinterlegen. Ähnlich wie Final Draft bietet auch Movie Magic mittels Production Breakdowns die Möglichkeit sich einen statistischen Überblick über Handlungsorte, Tageszeiten, Figuren und Figurenrelationen, Szenen, ihre Anzahl, Länge und Platzierung zu verschaffen. Das ist nicht nur für Autoren interessant, die hier frühzeitig Fehlentwicklungen wie etwa die visuelle Eintönigkeit des Skripts erkennen können. Für Produzenten ist die genaue Statistik von Handlungsorten, Tageszeiten und Figuren essentiell um z.B. die Kosten eines Projekts zu kalkulieren.

Die Überarbeitung. Writing ist Rewriting, wissen Autoren und keineswegs nur die Uninspirierten. Hemingway hat das Ende von Farewell to Arms angeblich 39 Mal umgeschrieben, bevor er endlich zufrieden war. Wenn dann noch Produzenten, Redakteure, Regisseure und Schauspieler ins Spiel kommen und die Selbstzweifel des Autors entfachen, wird es furchtbar. Zehn Revisionen sind keine Seltenheit. Die Überarbeitung gehört zum Geschäft und stellt an die Drehbuchsoftware besondere Anforderungen. Viele der bereits besprochenen Werkzeuge, insbesondere die Möglichkeiten des Navidocs, helfen dem Autor, auch bei der Überarbeitung nicht die Kontrolle zu verlieren.
Viele Überarbeitungen sind die Folge von Drehbuchbesprechungen. Veränderungen die im Rahmen einer neuen Drehbuchfassung vorgenommen werden müssen dann auch für die Mitglieder des Teams nachvollziehbar sein. Revision Marks, in der Regel ein dezenter Asterisk rechts der geänderten Zeile, können automatisch oder manuell gesetzt werden und weisen so auf jede noch so kleine Veränderungen hin. Lock the Script heißt das Kommando mit dem sich Seitenumbrüche und Szenennummerierung fixieren lassen. Neuen Seiten oder Szenen werden dann zunächst eingefügt, ohne die alte Nummerierung und Paginierung zu verändern. Auch das Löschen von ganzen Szenen bleibt im Locked Script sichtbar. Scene 14: Omited steht dann dort wo vorher noch die wunderschöne Szene Nr. 14 stand in die der Autor so viel Arbeit investiert hat.
Wie Final Draft bietet auch Movie Magic die Möglichkeit sich über das Inter- oder Intranet mit einem Co-Autor auszutauschen oder sogar gleichzeitig am Text zu arbeiten. Dabei können die Autoren auch an unterschiedlichen Systemen arbeiten. Zwischen Mac und PC lassen sich Dateien problemlos verschieben.

Der richtige Ausdruck. Vor dem Ausdruck bietet Movie Magic eine recht brauchbare Format-Korrektur an. Das Ergebnis ist makellos. Die Umbrüche, Seitenzahlen, Kopf- und Fußzeilen, Szenennummerierung sitzen. Darüber hinaus kann das Programm auch gut PDFs ausgeben, heute ebenfalls Standard und im Drehbuchbereich zunehmend die akzeptierte Lesewährung. Eher als Gimmick ist die Vorlesefunktion einzustufen, zumal dann, wenn der Text in Deutsch abgefasst ist. Die flott lesenden Roboterstimmen (verschiedenen Charakteren lassen sich auch verschiedene Stimmen zuordnen) sind durch die amerikanische Aussprache nahezu unverständlich. Eine Datenbank mit Namen mag den einen oder anderen Autoren begeistern.

Fazit. "I use Movie Magic for every film, every time!" sagt James Schamus, Producer und Writer von Brokeback Mountain, Crouching Tiger - Hidden Dragon und einem meiner absoluten Lieblingsfilme, dem von Ang Lee genial inszenierten "Der Eissturm". Auch Paul Haggis (Crash, Flags of our fathers, Bond...) vertraut seine gut verkäuflichen Texte nur noch Screenwriter an. Guillermo Arriaga, einer der innovativsten Kino-Autoren unserer Tage, berichtet auf der Webseite des Herstellers wie er durch Movie Magic Screenwriter für alle Zeiten von der Schreibmaschine geheilt wurde. Man kann diese Aussagen als Werbung abtun. Man kann sie aber auch einfach für bahre Münze nehmen. Movie Magic überzeugt in allen Belangen und muss sich keineswegs hinter Platzhirsch Final Draft verstecken. Im Gegenteil: Manches erscheint noch eine Spur durchdachter und ausgefeilter. Die Stabilität des Programms, die hervorragenden Im- und Exportfunktionen überzeugen restlos. Nicht umsonst konnte die Software einen Academy Technical Achievement Award für innovative Screenwriting Software gewinnen. 210 $ kostet die Standardversion, die sich auf drei Maschinen gleichzeitig installieren und aktivieren lässt. Studenten müssen immer noch 170 $ berappen. Wenn ich nicht schon länger im Besitz von Final Draft wäre, ich würde ins Wanken geraten.


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